Kommentar: Lost in Fuseta

von Gil Ribeiro

Das Buch fiel mir in einem Laden in die Hände, und da ich noch nichts für Portugal in meiner literarischen Europa-Reise hatte, passte es genau. Ausserdem hatte ich gerade Lust auf einen Krimi.

Der Protagonist Leander Lost ist urkomisch, obwohl er gar keine Witze macht. Als Mensch, der nicht lügen kann, und Dinge wie Sarkasmus und Ironie nicht versteht, entwickeln sich seine Gespräche mit Kollegen und Mitmenschen immer anders, als von seinem Gegenüber erwartet.

Auf einem internationalen Austauschprogramm der Polizei gerät Lost, kaum dass er in Faro ankommt, mit seinen portugiesischen Kollegen Rosado und Esteves sofort in einen spannenden Fall. Sie beginnen zu ermitteln, doch der Mord an dem Privatdetektiv O Olho ist viel verworrenener, als sie zuerst annehmen.

Der Krimi hat mir sehr gut gefallen, ich mochte vor allem den fortwährend essenden Carlos Esteves, dank dem ich gleich eine Reihe portugiesischer Gerichte kennengelernt habe. Und Graciana Rosados Fahrstil war so lebhaft beschrieben, dass ich mich vorsichtshalber an der Sofakante festgehalten habe, wenn sie am Steuer saß.

Ich werde mir den nächsten Band sicherlich auch kaufen.

Kommentar: Das verflixte Jahr

von Ismail Kadaré

Es ist das Jahr 1914, der Komet Delavan taucht am Himmel auf, und verheißt den einen Freiheit, den anderen Verderben. Die europäischen Großmächte beschließen, den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied auf den albanischen Thron zu setzen, denn Albanien strebt die Unabhängigkeit an, und da muss man schließlich etwas unternehmen.

In einer von wahren geschichtlichen Ereignissen durchzogenen fantastischen Erzählung fasst Kadaré die Irren und Wirren der albanischen Unabhängikeit in der Geschichte einer kleinen Truppe von Freiheitskämpfern zusammen, die durch das Land zieht und für ihre Nation kämpfen will. Dabei begegnen sie allen möglichen Freunden und Feinden, schaffen es dabei zufällig jedes ernste Gefecht zu umgehen, und werden trotzdem Zeugen wie ihr Land in die Geschichte eingeht.

Die Figuren sind einfach köstlich, auch wenn der eine oder andere unterwegs erschossen wird (mancher auch versehentlich). Ohne vernüftige Kommunikationswege basieren ihre Entscheidungen auf halbseidenen Gerüchten und Bauchgefühlen, und ohne zu wissen, was die fremden Heere eigentlich in ihrem Land zu suchen haben, ziehen sie kreuz und quer durch Albanien, immer auf der Suche nach dem vermeintlichen Feind. Zum Schluss ist Albanien ein Staat, und (fast) alle können nach Hause.

Ich habe diesen Roman sehr genossen, und bin froh, genau dieses Buch für meinen Albanien-Eintrag in meiner literarischen Europa-Reise ausgewählt zu haben.

Kommentar: Christina, Königin von Schweden

von Veronica Buckley

Ich weiss gar nicht mehr, wo ich dieses Buch aufgegabelt habe. Auch wenn ich durchaus ab und zu gerne Biografien lese, war mir Christina von Schweden vorher überhaupt kein Begriff.

Nach der Lektüre bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich Christina nicht ausstehen kann. Ich finde sie egoistisch, selbstsüchtig, und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Das Buch hat trotzdem 4 Sterne von mir bekommen, weil es wirklich (wirklich!) spannend ist. Die Lebensumstände Christinas sind hervorragend recherchiert, und viele kleine Episoden und Vorkommnisse machen ihre Geschichte sehr lebendig und persönlich. Wie kommt es dazu, dass eine protestantische Königin mit 28 Jahren abdankt, und ihr Land im Stich lässt, um stantepede zum katholischen Glauben überzutreten und fortan in Männerkleidung durch Europa zu tingeln?

Das Buch rollt ihr Leben von ihrer Kindheit an auf, und begleitet sie durch alle Lebenslagen bis zu ihrem Tod in Rom im Alter von 62 Jahren.

Die Biografie stützt sich auf viele Quellen aus Archiven, und ist wirklich sehr, sehr lesenswert. Ein tolles Buch! Auch wenn Christina doof ist.

Kommentar: Das Verschwinden der Adèle Bedeau

von Graeme M. Burnet

Dieses Buch ist mein Elsass-Beitrag für die literarische Tour de France. Es spielt in Saint Louis, an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland.

Eine Sache die mir aufgefallen war ist dass sich das Leben in Saint Louis immer in Richtung Frankreich orientiert: obwohl man fast nach Basel rüberspucken kann, fahren Clémence und ihre Freunde zum amüsieren ins 30 Kilometer entfernte Mulhouse, und Manfred sucht Abwechslung in Strassburg, obwohl er auch über die Grenze nach Freiburg fahren könnte. Das fühlte sich für mich typisch französisch an, obwohl der Autor Schotte ist.

Ungewöhnlich ist, dass der Polizeibeamte Georges Gorski erstmal überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Manfred Baumann und dessen Leben in Saint Louis. Überhaupt geht es nicht, wie sonst in einem Krimi, mit einer Leiche los, sondern wir begegnen Adèle ganz lebendig. Es gibt zwar auch eine Leiche, aber davon erfahren wir erst später und mit Adèle hat sie nicht so richtig was zu tun. Eigentlich ist es gar kein Krimi, aber irgendwie doch.

 

Kommentar: Frauen, Fische, Fjorde

von Anne Siegel

Die Geschichte der Frauen, die 1949 und in den folgenden Jahren zu Hunderten nach Island aufbrechen, war mir überhaupt nicht bekannt.  Die Schicksale der porträtierten Frauen (und einem Mann) sind in mancher Hinsicht jedes mal recht ähnlich: Krieg, Flucht, Hunger, Nachkriegswirren.

Doch sie sind auch unterschiedlich, so gibt es die vertriebene Ostpreussin genauso wie die gebürtige Lübeckerin, Frauen aus einfachen Verhältnissen ebenso wie die privilegierte Offizierstochter.

Was sie alle gemeinsam haben ist, dass sie in Island eine neue Heimat gefunden haben. Die meisten wollten nur ein Jahr bleiben, doch sie fanden Ehemänner und ein Zuhause, lernten die Sprache und gründeten Familien. Einige der Frauen erzählen ihre Geschichte in diesem Buch zum ersten Mal.

Ich fand es sehr spannend!

Kommentar: Passage to Ararat

von Michael J. Arlen

Als Sohn von Michael Arlen, dem berühmten britischen Schriftsteller der Zwanziger Jahre, wuchs Michael John Arlen in Frankreich und Amerika auf. Dass sein Vater bürgerlich Dikran Kouyoumjian hiess und aus einer armenischen Familie stammte war zwar kein Geheimnis, doch er schien alles armenische auf Abstand zu halten. Zuhause wurde kein Armenisch gesprochen, und die armenische Kultur wurde nicht gepflegt. Erst als Erwachsener, nach dem Tod des Vaters, macht Michael John sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, die ihm – durch und durch Amerikaner – immer wieder begegnen und über die er so wenig weiss.

Von Armeniern, denen er in Amerika begegnet, hört er immer wieder die gleiche Litanei über den Völkermord, und lehnt die Opferrolle, die sie so gerne einzunehmen scheinen, ab. Schliesslich reist er mit seiner Frau in das damals noch der UDSSR zugehörige Armenien, um sich selbst ein Bild zu machen, um die “echten” Armenier und das “echte” Armenien zu erleben.

Beladen mit einem Koffer voller Bücher beginnt er in einem Hotelzimmer in Erivan damit, sich dem Land und den Leuten anzunähern. Er beginnt systematisch am Anfang, mit den Königen von Nairi, die einst ein großes Reich regierten und für ihre Pferdezucht berühmt waren, und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Zeit bis in die Gegenwart der 1970er Jahre.

Dabei lernt er viel dazu, erlebt, hinterfragt und erforscht, diskutiert mit Einwohnern und Emigrées, und wir werden Zeugen, wie sich sein eigenes Bild über Armenien, seine Herkunft, und seinen Vater wandelt.

Ein wunderbares Buch.

Wo finde ich Bücher mit bestimmten Handlungsorten?

Wer vom Sofa aus auf Reisen gehen will, sollte lesen, keine Frage.

Man kann sich prima treiben lassen und von Buch zu Buch hopsen und einfach abwarten wohin es einen als nächstes verschlägt. Doch was, wenn man gerade von einem spannenden Ort gelesen hat, und mehr davon möchte? Oder der nächste Urlaub schon gebucht ist und man ein passendes Buch mitnehmen will?

Und wer sich, wie ich, auf eine bestimmte, vorher durchdachte Bücherreise begeben will, der braucht Informationen über den Handlungsort.

Wenn ich in Hamburg in einen Buchladen gehe und sage, ich möchte einen Krimi haben der an der Nordsee spielt, dann haben sie mit großer Wahrscheinlichkeit gleich einen ganzen Tisch mit passender Lektüre da. Doch leider werden die wenigsten Buchhändler aus dem Effeff ein Buch empfehlen können, das in Aserbaidschan oder Tuvalu spielt.

Wo also suchen? Weiter

Kommentar: Käse

von Willem Elsschot

Der kleine Angestellte Frans Laarmanns träumt in Antwerpen davon, Geschäftsmann zu werden und in die höhere Gesellschaft aufzusteigen. Als man ihm anbietet Handelsvertreter zu werden, glaubt er seine Chance ist gekommen, und greift mit beiden Händen zu.

Flugs werden zehntausend Edamer bestellt, die er nur noch schnell verkaufen muss. Gar kein Problem! Oder…?

Das Buch ist kurz, aber jede Seite wert. Ich habe mich beim Lesen scheckig gelacht. Frans ist einfach ein hoffnungsloser Träumer, der zwar Ehrgeiz und Tatendrang besitzt, aber keinerlei Prioritäten setzen kann und überhaupt kein Verkaufstalent besitzt. So werden Visitenkarten bestellt, eine Telefonleitung angeschafft, das Büro tapeziert, alles mit einem unglaublichen Elan, während der Käse im Lager liegt. Und liegt. Und liegt.

Es gibt ja Leute, die Eskimos Kühlschränke verkaufen können, aber ich fürchte, ich selber wäre auch eher so ein Frans Laarmanns wenn ich plötzlich im Großhandel tätig werden müsste.

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, und hatte hinterher richtig gute Laune.